Donnerstag, 9. Juli 2015

Ich kann keine einfache Bettgeschichte für jemand sein | Campus Liebe

Hier kommt dann das zweite Kapitel von Campus Liebe :)


Einsicht auf´m Campus?, aber ich muss dir etwas sagen


Edwards Sicht:

Ich will sie nicht verlassen, wenn sie so sichtlich überfordert ist. Irgendwas belastet sie und ausgerechnet ich, habe es heraufbefördert. Am Freitagabend habe ich beschlossen, dass ich sie einfach kennenlernen muss. Ich habe es versucht, mich von ihr fernzuhalten, trotzdem waren die Gedanken den ganzen Tag auf sie gerichtet. Irgendwas hat sie in mir ausgelöst, sodass meine Welt Kopf steht. Sie hat einen Teil von mir berührt, von dem ich dachte, er wäre vor langer Zeit gestorben. Sie bringt mich wieder dazu, der alte zu werden.

„Ich werde dich nicht allein lassen, wenn du so aufgelöst bist.“, sage ich ernst, als sie sich an den Klapptisch vor sich klammert, um nicht die Fassung zu verlieren.

„Sehe ich aus, als wäre ich hier allein?“, fragt sie spöttisch, den Blick auf einen Punkt auf der Tafel gerichtet.

„Nicht körperlich, aber seelisch.“, gebe ich zu und jetzt richtet sich ihr Blick auf mich. Ihre Augen sind komplett leer gefegt. Keine Gefühle, die sonst in ihnen zu erkennen sind, spuken darin herum. Eine eiserne Maske trägt sie zur Schau, als müsste sie sich schützen.

„Du weißt gar nichts von mir.“, sagt sie eisern und hart. Sie hat eine verdammte Wand vor mir aufgebaut und ich kann es ihr auch nicht verübeln.

Ich kann keine einfache Bettgeschichte für jemand sein.

Sie denkt nur das schlimmste von mir und damit hat sie vermutlich auch Recht. Ich bin nicht gut für sie, aber ich will es sein. Ich möchte mich für sie in den alten Edward verwandeln, damit ich es Wert bin. Damit ich gut für sie bin. Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist, wenn ich ihr auf die Pelle rücke, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Es ist so kompliziert, weil ich Jahre eine Fassade aufgebaut habe und sie kann man nicht an einem Tag herunterreißen. Sie muss mir Zeit geben, damit ich wieder gut werde.

Plötzlich steht Bella auf, sammelt ihre Sachen ein und drängt sich auf der anderen Seite nach draußen. Die Vorlesung hat nicht mal begonnen und sie will schon wieder verschwinden. Sie verschwindet aus dem Hörsaal und aus meinem Leben. Aber das kann ich nicht zulassen und eile ihr hinterher. Draußen finde ich sie unter einem Baum wieder und sie hält ihr Handy ans Ohr. Als ich näher komme, kann ich einzelne Gesprächsfetzen aufschnappen.

„Er ist wieder da. Stärker als jemals zuvor…“, sagt sie leise, aber bestimmt. Verzweiflung schwingt leicht mit.

„Ja, ich weiß. Keine One-Night-Stands um mich zu heilen.“, sagt sie seufzend, als hätte sie es schon öfters gesagt und als würde es ihr nichts bedeuten.

„Ich habe keinen zum reden. Meine Eltern geben sich noch immer die Schuld und meine Freundin weiß es nicht mal.“, stößt sie hervor. Sie hört wieder angestrengt zu.

„Sie würde mich anders behandeln.“, flucht sie verzweifelt. Sie dreht sich dabei um und erblickt mich. Sie bleibt erstarrt stehen und schaut mich fassungslos an.

„Ich kann jetzt nicht weiter reden.“, sagt sie verzweifelt.

„Danke, Sie haben mir trotzdem sehr geholfen. Ich werde bald wieder zu ihnen kommen.“, sagt sie noch, jetzt etwas ruhiger. Als sie auflegt, atmet sie tief durch und kommt auf mich zu.

„Wer ist er?“, frage ich sie vorsichtig.

„Nicht. Lass es einfach.“, knurrt sie mich nun wieder feindselig an, aber ihre Wand in den Augen ist verschwunden. Dann klingelt ihr Handy wieder los und sie seufzt auf. Sie geht ohne draufzuschauen dran und ihre Augen weiten sich geschockt, als sie erkennt, wer am anderen Ende der Leitung ist.

„Ich bin sofort auf dem Weg. Danke.“, sagt sie, legt wieder auf und schaut mich kurz nochmal an und verschwindet erneut. Ich habe aber jetzt auch keine Zeit mehr, um ihr wieder zu folgen, denn heute beginnt mein Praktikum im Krankenhaus. Also drehe ich mich in die andere Richtung und beeile mich um noch rechtzeitig anzukommen.

Isas Sicht:

Meine Gedanken sind nun vollständig auf Levi gerichtet. Heute Morgen ging es ihm noch gut, als ich ihn in den Kindergarten gebracht habe. Jetzt soll er apathisch sein und Fieber haben. Ein schlechtes Zeichen. Ich werde wohl mit ihm ins Krankenhaus müssen und das wird ihm gar nicht gefallen. In seinen jungen Jahren haben wir schon so einiges mitgemacht. Besonders schwer war wohl der Unfall vor ein paar Monaten, wo er Kopfüber die Rutsche heruntergerutscht ist und mit dem Kopf auf einen dickeren Stein gefallen ist. Die Wunde musste mit drei Stichen genäht werden und dieses Erlebnis verfolgt ihn noch heute. Aber unser Kinderarzt hat nun mal im Krankenhaus seine Praxis, weswegen wir leider wieder an den Ort zurückmüssen.

Ich beeile mich so schnell ich kann, um meinen Sohn in die Arme zu schließen. Zehn quälende Minuten später betrete ich den Kindergarten und die Erzieherin wartet mit Levi auf dem Arm auf mich. Sie streicht ihm über den Rücken und versucht ihn zu beruhigen. Er trägt schon seine Schuhe und die Jacke. Ich lächele sie entschuldigend an, nehme die Tasche auf und nehme ihr dann meinen Sohn ab.

„Ich danke ihnen.“, sage ich freundlich und sie lächelt mir hilfsbereit zu.

„Kein Problem. Miss Swan. Es ist doch unsere Aufgabe.“, sagt sie sofort, wünscht uns noch alles Gute, als ich mich schon wieder auf den Weg mache. Levi hängt wie ein nasser Sack in meinen Armen, bewegt sich nicht, aber er glüht am ganzen Körper. Wie konnte das so schnell passieren? Ich habe auf dem Weg ein Taxi bestellt, der jetzt vor dem Kindergarten auf mich wartet. Ich steige ein, gebe die Adresse durch und lasse mich mit Levi im Sitz zurücksinken. Jetzt habe ich eine Minute um den Schreck zu verdauen, dass Edward einen Teil des Gespräches mitbekommen hat, den ich mit meinem Therapeuten geführt habe. Er hat mir mal angeboten, dass ich ihn anrufen kann, wenn ich mal wieder solch eine Attacke haben würde, hatte es bis jetzt aber nicht in Anspruch nehmen müssen. Und genau heute, wenn ich eine Woche nicht bei ihm war, bricht die Welt über mir zusammen. Und in diesem Moment ist der seltsamste Typ bei mir, der meine Welt überhaupt auf den Kopf gestellt hat. Das wird ein Thema beim nächsten Besuch beim Therapeuten werden, nehme ich mir fest vor, als das Taxi endlich angekommen ist. Ich reiche ihm das Geld, steige aus und stampfe mit schweren Schritten auf den Eingang zu.

Am Empfang mustert mich die Dame eine volle Minute lang, bevor sie ein Lächeln aufsetzt und mich fragt, womit sie mir helfen könnte.

„Mein Sohn ist apathisch und hat Fieber.“, sage ich schnaubend.

„Dann brauchen sie einen Kinderarzt.“, stellt diese fest.

„Natürlich brauche ich einen…“, beginne ich eine Tirade, unterbreche mich aber, weil es mir nicht gerade hilft.

„Der Kinderarzt ist gerade beschäftigt. Wenn sie sich bitte in den Wartebereich begeben würden, wird er sicherlich gleich Zeit für sie finden.“, sagt die Dame freundlich, aber bestimmt und deutet in den Gang rechts von mir. Vorher verlangt sie aber noch meinen Namen und meine Versicherungskarte. Ich nenne ihr die Daten und reiche ihr die Karte. Ich weiß genau, wo der Wartebereich ist. Ich laufe den Gang entlang und lasse mich nur Momente später auf einen der Stühle nieder. Ich setze Levi auf meinem Arm um, sodass er seitlich an meine Brust gekuschelt ist. Er hält sein Lieblingsstofftier in den Händen und sein Gesicht glänzt vom Schweiß. Vorsichtig fahre ich ihm übers Gesicht und wische ein wenig davon ab, aber sofort bildet sich wieder neues auf seiner Haut. Seufzend drücke ich ihn wieder an mich und hoffe, nicht allzu lange warten zu müssen.

Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen habe und Levi leicht vor und zurück gewiegt habe, aber plötzlich hat sich die Stimmung in dem kleinen Raum verändert. Ein Raunen geht hindurch und als ich aufschaue, steht Edward in einem Arztkittel und einer weiteren Person im Raum. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, aber das scheint er gar nicht zu bemerken. Sein Blick ist erstaunt auf mich gerichtet. Die Person, die neben ihm steht ist der Kinderarzt Dr. Montgomery. Nein, verdammt. Nicht so. Warum passiert das ausgerechnet mir?

„Miss Swan?“, sagt der Kinderarzt freundlich und lächelt mir freundlich zu, als ich aufstehe. Ich drücke Levi dabei fester an meine Brust, als ich erst Dr. Montgomery und dann Edward die Hand schüttele.

„Hallo Dr. Montgomery.“, antworte ich ruhig.

„Das ist mein neuer Praktikant Dr. Cullen.“, stellt er mir Edward vor und ich wusste gar nicht, dass er schon fast fertig mit seinem Studium ist. Edward hat sich anscheinend noch nicht von dem Schock erholt, bleibt aber professionell genug, um nichts zu sagen. Ich folge nun dem Arzt in den Behandlungsraum und Edward folgt hinter mir.

„Was fehlt denn dem kleinen Mann?“, fragt Dr. Montgomery mich freundlich, während ich Levi auf die Liege setze und ihm durch das wirre Haare fahre.

„Ich wurde vor gut einer Stunde von Kindergarten angerufen, dass Levi apathisch ist und Fieber hat.“, sage ich freundlich und werfe Edward einen kurzen Blick zu. Er steht an der Tür und die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick ist undurchdringlich.

„Dann wollen wir mal schauen.“, sagt der Arzt nun freundlich und stellt sich vor Levi hin. Ich gehe ein wenig zurück, sonst mache ich meinen Sohn noch nervöser und stelle mich fast neben Edward.

„Du hast nichts…“, beginnt Edward leise, schüttelt aber den Kopf.

„Wir kennen uns nicht, wieso sollte ich dir von ihm erzählen?“, frage ich ihn leise zischend.

„Aber…“, beginnt Edward, aber da wird er vom Arzt unterbrochen.

„Er scheint nur eine Grippe zu haben. Haben sie beobachtet, wie er in letzter Zeit mehrfach am Husten war?“, fragt er mich freundlich.

„Letzte Woche war er ein wenig am Husten, aber ich habe es für eine leichte Erkältung gehalten, weil er auch kein Fieber hatte.“, erkläre ich vorsichtig.

„War es vermutlich auch zu Beginn. Ich gebe ihnen etwas für das Fieber mit und verordne ihm eine Woche Bettruhe. Nächste Woche schauen wir ihn uns noch einmal an.“, lächelt er nun leicht und schaut dann auch in Levis Gesicht. „Edward, kannst du der jungen Frau erklären, was sie zu beachten hat, während ich die Medikamente holen gehe?“, fragt er nun an Edward gewandt und dieser nickt mit dem Kopf. Ich wechsele wieder den Platz mit dem Arzt und dann ist er verschwunden.

„Ich weiß, was zu tun ist. Er hatte es schon mal.“, unterbreche ich Edward sofort, als er zum Reden ansetzen will.

„Isa. Ich möchte dir gerne helfen.“, beginnt er wieder und ich seufze theatralisch auf.

„Edward, wer sagt denn, dass ich deine Hilfe brauche?“, frage ich ihn brüsk. Ich komme auch alleine klar. Ich kam die letzten zwei Jahre alleine zurecht.

Edwards Sicht:

Damit bin ich nun völlig überfordert und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Sie kam mir immer so unscheinbar vor. Das graue Mäuschen. Aber ein Kind. Ich beobachte sie im Umgang mit ihrem Sohn. Wie sie ihn berührt. Sanft und lieblich fährt sie ihm durchs Haar. Seine Finger zu kleinen Fäusten geballt. Eins um ein kleines Stofftier und die andere greift nun nach Isas Bluse. Das schwarze Haar ist feucht vom Fieber und er zittert am ganzen Körper.

„Isa.“, beginne ich erneut und sie schaut mich nur an. Keine Reaktion, keine Gefühle. „Es tut mir leid, wie ich mich aufgeführt habe. Ich…“, versuche ich mich zu erklären, aber ich weiß einfach nicht, wie ich ihr alles erzählen soll. Besonders nicht hier im Krankenhaus, während ihr Kind krank ist. Aber ich kann auch nicht mehr warten. Es ist alles so kompliziert.

„Ich kann das nicht jetzt hier klären. Du willst Kinderarzt werden? Dann musst du lernen, dass Mütter in diesem Moment nicht für solche Gespräche empfänglich sind.“, sagt sie leise, aber nicht abweisend. Sie fischt aus ihrer Tasche ein Zettel hervor und kritzelt darauf etwas, bevor sie es mir reicht.

Darauf steht ihre Adresse und darunter ein einziges Wort: chinesisch.

„Lass es mich nicht bereuen.“, sagt sie leise und wendet sich wieder ihrem Sohn zu, der nun zu Wimmern beginnt.

Am Abend…

Ich habe aus einem Chinesischen Restaurant eine Auswahl zusammenstellen lassen und bin vollbepackt mit zwei Tüten auf den Weg zu der Adresse, die Isa mir gegeben hat. Ob ich hier eine richtige Entscheidung getroffen habe, weiß ich nicht, aber ich kann sie auch nicht einfach verstreichen lassen. Es ist gar nicht so ein weiter Fußmarsch zwischen ihrer und meiner Wohnung, was mich eigentlich wundert, denn wir sind uns so noch nie über den Weg gelaufen. Ich klingele an der Tür, bevor ich es mir doch noch anders überlege und nur Sekunden später öffnet sich die Tür. Ich muss in die zweite Etage steigen, bis ich die offene Tür entdecke und zögerlich davor stehen bleibe. Ich bin dennoch vornehm erzogen worden und betrete nicht einfach eine Wohnung ohne die ausdrückliche Erlaubnis der Mieterin.

„Komm ruhig rein, ich bin sofort bei dir. Geradeaus geht es ins Wohnzimmer.“, höre ich Isa rufen und jetzt erst überwinde ich mich, über die Schwelle zu treten. Ihre Wohnung ist liebevoll eingerichtet. Im länglichen Flur steht ein Schuhschrank, sowie Kleiderhacken und gegenüber hängt ein Spiegel. Spielzeug liegt teilweise verstreut über den Boden, besonders aber vor einer verschlossenen Tür. Auf der Tür prangt ein Bild mit dem Namen Levi. Gegenüber ist eine weitere Tür, die nur angelehnt ist, aber ich gehe daran vorbei ins Wohnzimmer. Dabei komme ich noch an zwei Türen vorbei. Es ist groß und gemütlich. Eine Couchlandschaft mit vielen Kissen. Teilweise liegen zerknüllte Decken noch darauf, der Tisch ist ein wenig verschoben und Spielzeug ist auch hier verteilt. Bilder an den Wänden bilden einen wohnlichen Abschluss und geben dem Zimmer einen intimen Tatsch.

„Es tut mir leid, wie es hier aussieht.“, höre ich hinter mir sagen und ich drehe mich um. Bella hat noch immer dieselben Sachen vom Morgen an, aber sie wirkt ruhiger. Ihr Haar ist zu einem unordentlichen Zopf gebunden, während ihre braunen Augen vorsichtig zu mir aufblicken. Sie hält ihre Hand mit Besteck hoch und lächelt ein wenig, bevor sie an mir vorbei zur Couch geht.

„Kein Problem.“, erwidere ich ehrlich und stolpere fast über eine kleine Lok, die ich gar nicht gesehen habe.

„Kaum ist das Fieber von Levi gesunken, wurde er wieder lebendiger und hat die Wohnung auf den Kopf gestellt. Ich habe ihn gerade eben ins Bett bringen können, kam aber leider nicht mehr dazu, wieder etwas Ordnung zu schaffen.“, erklärt sie mir schuldbewusst und lässt sich auf die Couch sinken. Dann schiebt sie den Tisch wieder gerade und deutet mir an, dass ich mich ruhig neben sie setzen kann. Ich stelle die Tüten auf den Tisch und lasse mich in die weichen Polster sinken.

„Ich wusste nicht, was du magst, also hab ich von allem etwas mitgebracht.“, erwidere ich nur darauf und mit einem leichten Lächeln macht sie sich darüber her. Ganz so schüchtern ist sie wohl nicht mehr, stelle ich erleichtert fest. Wir müssen wohl noch viel voneinander lernen.

„Du hast bestimmt eine Menge Fragen an mich.“, sagt sie vorsichtig.

„Sie sind dir doch sicherlich unangenehm.“, versuche ich sie zu beruhigen, als sie wieder ein wenig nervös wird.

„Aber jetzt bin ich dir ein paar Antworten schuldig.“, erwidert sie entschieden und ich sollte mich wohl nicht dagegen sträuben.

„Okay. Du bist nicht mehr mit dem Vater zusammen?“, frage ich als erstes.

„Nein, sonst dürfte ich sicherlich nicht zur Uni, geschweige denn mich mit Freunden oder dir treffen.“, gibt sie ganz unverblümt zu und ich starre sie einfach nur an.

„Erzählst du mir von ihm?“, versuche ich mehr über diesen Mann herauszufinden.

„Mir wäre es lieber, wenn wir ein anderes Mal über ihn sprechen könnten. Es sind nicht gerade schöne Erinnerungen.“, bittet sie mich leise und ich sehe in ihren Augen, dass es ihr wieder sehr schwer fällt, die Fassung zu wahren.

„Ist in Ordnung. Es ist auch ein wenig zu privat gewesen.“, entschuldige ich mich auch sofort.

„Darf ich dir eine etwas privatere Frage stellen?“, höre ich sie leise fragen und ich nicke sofort, damit sie mich nicht falsch versteht. „Warum bist du eigentlich so ein… Mistkerl geworden?“

„Oh Wow. Das hat wehgetan, aber das habe ich wohl verdient. Ich wurde vor ein paar Jahren ziemlich stark verletzt. Ich hatte mir danach geschworen, dass niemand mehr so nah an mich herankommen würde. Bist du in mein Leben getreten bist.“, gebe ich zu, weil ich ihr die Wahrheit sagen muss. Was genau dahinter steckt, wird sie hoffentlich nie erfahren müssen.

„Du bist ein Mensch aus Eis geworden.“, flüstert sie leise. Bevor ich aber antworten kann, hören wir eine heulende Stimme rufen. „Entschuldige mich einen Moment. Vermutlich hat er Hunger.“

„Wir haben noch etwas übrig.“, sage ich.

„Wenn du nichts dagegen hast, wenn er hier ist.“, sagt sie und ich schüttele den Kopf.

„Er gehört zu dir.“, sage ich einfach nur. Dann ist sie verschwunden. Kurz darauf kommt der kleine Mann ins Wohnzimmer gestürzt, weicht elegant den Spielzeugen aus und krabbelt auf die Couch. Isa folgt ihm lächelnd und lässt sich wieder auf ihren Platz neben mir sinken.

„Levi, sagst du Edward guten Abend.“, sagt sie mit der leichten Strenge einer Mutter und ihr Sohn schaut auch sofort auf.

„Guten Abend, Ed…“, stockt er bei dem Namen.

„Nenn mich ruhig Ed, wenn dir das einfacher fällt.“, lächele ich ihn an und sofort beginnt er zu strahlen. Sein Fieber scheint wirklich gesunken zu sein und er wirkt nicht mehr so apathisch.

„Hier.“, sagt Isa und reicht ihrem Sohn einen kleinen Teller, auf dem sie ein paar kurze Nudeln gelegt hat. Sie stellt ihn vor ihm auf den Tisch und er macht sich direkt darüber her.

„Was nur ein paar fiebersenkende Medikamente ausmachen können, nicht wahr?“, grinst Isa mich an und ich muss ihr einfach nur zustimmen.

„Du bist also zu Eis geworden, damit dir niemand mehr wehtun kann. Wenn ich dir glaube, was hat sich dann geändert, als ich dir begegnet bin?“, fragt sie mich geradeheraus und ich muss meine komplette anfängliche Meinung über sie nochmal überdenken. Sie ist überhaupt nicht so, wie sie im ersten Moment auf mich gewirkt hat.

„Ich hatte früher einen ziemlichen starken Beschützerinstinkt, der mit meinem Leben in letzter Zeit nicht mehr mithalten konnte. Mir war nicht danach, jemanden beschützen zu müssen. Ich war nicht mehr fürsorglich und besorgt, wenn es jemanden nicht so gut ging. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, war es komplett anders. Du hast die vielen Bücher getragen, hast total abwesend ausgesehen, wie du über den Campus gelaufen bist und als sie dir aus der Hand gefallen sind, wollte ich dir einfach helfen. Mein Beschützerinstinkt war wieder zum Leben erwacht.“, gebe ich zu und Bella schaut mich einen Moment an, bevor sie langsam einatmet und dann wieder aus.

„Das habe ich einen Moment gesehen, aber dann warst du so abwesend und bist einfach verschwunden.“, sagt sie ehrlich und verletzt.

„Ich war nicht bereit mein Leben, was ich bis jetzt geführt habe, aufzugeben. Du wirktest in dem Moment so zerbrechlich auf mich und ich wusste, ich bin nicht gut für dich. Ich wollte dich vermutlich verletzten, damit du dich von mir fernhältst. Zwei Monate hat es ja auch ganz gut geklappt, außer das ich dich nicht vergessen konnte.“, versuche ich ihr die erste Begegnung zu erklären, ohne die schaurigen Gedanken zu verraten. Ohne die Albträume, die mich die Nächte verfolgt haben.

„Einem Teil von mir warst du auch abstoßend, aber ein anderer Teil – den ich nicht verstehen kann – hat sich genau dazu hingezogen gefühlt.“, gibt sie zu und mir laufen Schauer über den Rücken. Levi ist inzwischen näher zu Isa gerutscht und kuschelt sich in ihre Wärme. Sie hat den Arm um ihren Sohn geschlungen und drückt ihm einen Kuss auf den Kopf.

„Emmett hat mir erzählt, dass du ziemlich heftig auf Angela und mich reagiert hättest. Er hat es mir gesagt, noch bevor wir die Disko verlassen konnten. Vielleicht war das der Auslöser, als ich endlich begriffen habe, dass ich dich nicht aus meinen Kopf bekomme. Der Moment wo ich entschieden habe, dass ich mich ändern kann, damit ich es Wert bin. Dass ich gut genug für dich bin.“, gebe ich ehrlich zu und Isas Gesicht ist Tränenüberströmt. Ich will sie trösten und beruhigend auf sie einreden, aber meine Worte haben sie so verletzt und ich weiß nicht, was ich machen soll.

„Was ist dir nur passiert?“, fragt sie mich ernst und ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Sie ist die erste, die bemerkt, dass es mehr als nur Liebeskummer ist und ein Teil von mir, möchte es ihr auch sagen, aber ich muss mich zurückhalten. Levi ist noch so unschuldig, er braucht noch nichts von der schrecklichen Welt da draußen wissen. Ich schüttele nur den Kopf, weil ich einfach noch nicht oder vielleicht auch niemals darüber reden kann. „Ich habe… gedacht, Emmett hätte es nicht so stark gemerkt. Ich wollte mir dir ins Bett gehen.“, redet sie daraufhin weiter und gibt dabei noch etwas preis. Jetzt schaue ich sie fassungslos an. Sie wischt sich über die Augen und die Wangen, bevor sie sich überhaupt traut, mir wieder ins Gesicht zu schauen. „Ich wusste, ich sollte so nicht denken, denn du willst keine feste Beziehung, aber trotzdem habe ich mir für einen Moment ausgemalt, wie es wäre, in deinen Armen zu liegen.“

„Ich habe mal geglaubt, ich kann ohne Beziehung glücklich werden, ja, aber in letzter Zeit frage ich, ob das wirklich der richtige Weg ist.“, flüstere ich mehr zu mir selbst als zu ihr.

„Bist du glücklich?“, fragt sie mich und ich schüttele den Kopf.

„So sehr ich verletzt wurde und diese ganzen Beziehungen in den Wind schießen sollte. Ich kann es nicht. Ich will wieder geliebt werden, besonders möchte ich wieder lieben.“, gebe ich zu und schaue ihr dabei fest in die Augen. Ihre Finger auf Levis Haar zittern leicht, während sie meinem Blick entgegen kommt. Unwillkürlich rutsche ich näher auf sie zu, sodass ich sie schon fast berühre. Niemand weicht zurück, als man den Atem des anderen auf der Haut spüren kann.

„Wenn du weiter gehen willst, muss du wissen, ich bin kaputt. Innerlich tot.“, sagt sie viel zu leise, als das Levi es hören könnte, aber ich höre jedes einzelne Wort. Es fühlt sich wie ein Messer an, dass mir über die Haut gezogen wird, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich fühle mich so von ihr angezogen und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie kaputt ist. So unglaublich stark. So habe ich sie heute kennengelernt. Stark für ihren Sohn.

„Du bist eine unglaublich starke junge Frau.“, flüstere ich noch, bevor sich meine Lippen sacht und warm auf ihre legen. Sie erwidert den Kuss ebenso sanft und mehr als die Lippen berühren wir uns nicht. Wir halten uns zurück. Es waren nur ein paar Sekunden, bevor wir uns wieder voneinander lösen, aber lang genug um mehr zu wollen. Aber ich spüre, dass es für sie schon fast zu viel war. Sie muss eine schwierige Vergangenheit haben, wenn sie so auf einen leichten Kuss reagiert. Sie ist angespannt und aus dem Konzept gebracht. Sie hat ihn zwar erwidert, aber ein Teil von ihr ist noch nicht bereit dafür. Wenn wir es langsam angehen lassen müssen, dann werde ich es tun.

„Ich meinte es heute Morgen ernst. Ich will keine Bettgeschichte von dir werden. Das halte ich nicht aus.“, sagt sie wieder ernst.

„Ich wünsche mir so viel mehr mit dir.“, gebe ich auch unverblümt zu und ein leichtes Lächeln ziert ihr Gesicht.

„Können wir uns jetzt vielleicht einen entspannten Abend machen, ohne so tiefgründige Gespräche?“, fragt sie mich leicht lächelnd.


„Gern.“, antworte ich ebenso lächelnd. Sie nimmt jetzt Levi auf den Arm und trägt ihn zurück in sein Zimmer. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er eingeschlafen ist. Fünf Minuten später kommt sie zurück, schaltet den Fernseher ein und lässt sich wieder neben mich sinken. Sie sitzt jetzt ziemlich nah neben mir, dass ich ihre Wärme neben mir spüren kann, aber ich weiß nicht, ob es zu viel wäre, wenn ich einen Arm um sie legen würde. „Darf ich vielleicht einen Arm um dich legen?“, frage ich sie und sie nickt zögerlich, bevor sie sich leicht zu mir lehnt, sodass ihr Oberkörper an meiner Brust ruht. Meine Finger liegen nun sanft auf ihrem Oberarm, während wir uns zusammen irgendeine Komödie anschauen.

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